Xiehouyu – Chinesische Sagwörter (Elke Spielmanns-Rome)

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Mao mit Schirm

Ein oft zitierter Satz aus Edgar Snows legendärem Interview mit Mao vor dem historischen ersten Besuch eines amerikanischen Präsidenten in der Volksrepublik China entpuppte sich im Nachhinein als grandiose Fehlübersetzung. Im April 1971 schrieb der amerikanische Journalist in der Zeitschrift Life Mao sehe sich als „einsamen Mönch mit einem löchrigen Regenschirm“ (Life Magazin, Sondernummer Inside China, vol. 70, 4. April 1971).

Erst im Dezember 1990 wurde dieseMao mit Schirms Missverständnis von Gong Yuzhi 嚒育之 (1929–2007), einem renommierten Historiker der Parteigeschichte der KP China, der dem Interview beigewohnt hatte, in einem Brief an den Herausgeber der Pekinger Volkszeitung (Renminribao) klargestellt. Mao hatte den ersten Teil eines xiēhòuyǔ zitiert und sich als „buddhistischen Mönch mit Schirm“ (héshang dǎsǎn 和尚打伞) bezeichnet. Der zweite Teil, den Mao nicht ausgesprochen hatte, lautet „hat weder Haar noch Himmel“ (wú fà wú tiān 无发无天). Ein buddhistischer Mönch hat ein kahlgeschorenes Haupt, der Schirm nimmt ihm die Sicht auf den Himmel. Das im A-Teil beschriebene Bild hat hier keine metaphorische Funktion, sondern dient lediglich als Aufhänger für ein witziges Sprachspiel, das auf der Homoiophonie von „Haar“ (发 ) und „Gesetz“ (法 ) beruht. Das viergliedrige Sprichwort (chéngyǔ) wú fǎ wú tiān 无发无天 bedeutet „irdischen und himmlischen Gesetzen trotzen; gesetzlos“ oder „allmächtig“.

Mit anderen Worten: Mao fühlte sich keineswegs einsam, sondern verwies scherzhaft und doch unverhohlen auf seine uneingeschränkte Macht. Das Bild des „einsamen Mönchs, der die Welt mit einem löchrigen Regenschirm durchwandert“ hat sich indes verselbstständigt und ist auch Jahrzehnte später in der westlichen Presse anzutreffen (vgl. Die Zeit vom 7.01.1994, http://zeit.de/1994/02/Maos-Spucknapf).